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Chronische Schmerzen: Vom passiven Behandeln zum aktiven Verstehen des eigenen Körpers

  • Autorenbild: Ben Schreiner
    Ben Schreiner
  • 4. Mai
  • 4 Min. Lesezeit
Chronische Schmerzen

Wenn Schmerzen über Wochen und Monate bleiben, suchen Betroffene oft verzweifelt nach der einen Ursache und der einen perfekten Lösung. Doch die wissenschaftliche Beweislage ist hier sehr eindeutig: Bei chronischen Schmerzen führen isolierte Behandlungsansätze – sei es nur manuelle Therapie, nur Schmerzmittel oder nur ein Übungsprogramm – in der Regel nur zu kleinen bis moderaten Erfolgen (Geneen et al., 2017; Skelly et al., 2020).


Warum ist das so? Weil chronischer Schmerz nicht einfach ein mechanischer Defekt in einer einzelnen Körperstruktur ist. Vielmehr ist chronischer Schmerz das Ergebnis eines komplexen Systems. Umfangreiche Meta-Analysen zeigen, dass Behandlungen, die rein physisch ansetzen, deutlich weniger effektiv sind als multidisziplinäre, biopsychosoziale Ansätze (Kamper et al., 2015). Wenn wir diese Komplexität in der Therapie anerkennen, statt sie wegzuerklären, eröffnet das völlig neue und oft befreiende Wege für die Behandlung.


Schmerz als komplexes System verstehen

In der traditionellen Medizin suchen wir oft nach linearen Ursache-Wirkungs-Ketten: Eine Struktur ist kaputt (Ursache), was zu Schmerz führt (Wirkung). Wenn wir die Struktur reparieren, ist der Schmerz weg. Bei chronischen Schmerzen, insbesondere bei primären chronischen Schmerzen ohne klare strukturelle Schädigung, funktioniert dieses Modell jedoch nicht (National Institute for Health and Care Excellence [NICE], 2021).

Die aktuellen internationalen Leitlinien und die moderne Schmerzforschung raten dazu, das Leben eines Menschen als ein komplexes, dynamisches System zu betrachten. In diesem System interagieren biologische Veränderungen, psychologische Faktoren (wie Stress, Erwartungen oder Ängste) und das soziale Umfeld (wie Isolation, Arbeit oder Lebensumstände) permanent miteinander (McDonald & Lowe, 2024; NICE, 2021). Diese Faktoren lassen sich nicht sauber voneinander trennen. So kann chronischer Stress beispielsweise Schmerzen physisch verstärken, während ständige Schmerzen gleichzeitig ein massiver Stressfaktor sind – eine klassische Wechselwirkung.


Die Illusion der Kontrolle aufgeben

Wenn das System so komplex und unvorhersehbar ist, bedeutet das für Betroffene und Behandler:innen eine wichtige Erkenntnis: Niemand hat die absolute und alleinige Kontrolle über alle Faktoren, die den Schmerz beeinflussen (McDonald & Lowe, 2024).

Diese Erkenntnis muss nicht frustrierend sein; sie kann sogar enorm entlasten. Sie nimmt den Druck von den Patient:innen und den Therapeut:innen, nach dem einen verborgenen Fehler oder dem einen "richtigen" Handgriff suchen zu müssen. Stattdessen verlagert sich der Fokus darauf, gemeinsam herauszufinden, an welchen Stellschrauben im System sich im Hier und Jetzt sinnvolle Veränderungen bewirken lassen.


Behandlung als gemeinsamer Lernzyklus

Moderne Ansätze, wie das in der Osteopathie diskutierte Konzept der Human Learning Systems (HLS), schlagen vor, die Therapie nicht als das Abarbeiten starrer Behandlungsprotokolle zu sehen, sondern als individuellen Lernzyklus (McDonald & Lowe, 2024). Dieser Prozess findet gemeinsam auf Augenhöhe statt und ist im besten Sinne forschend, neugierig und aktiv.


In der Praxis bedeutet das:

  1. Das System verstehen: Behandler:innen und Patient:innen erarbeiten ein gemeinsames Bild davon, welche körperlichen, seelischen und sozialen Aspekte eine Rolle spielen könnten. Die subjektive Lebensrealität der Patient:innen steht dabei im Zentrum.

  2. Gemeinsam Experimente gestalten: Anstatt, dass die Therapie von oben herab diktiert wird, überlegen beide Seiten gemeinsam: Welche Maßnahme (z. B. manuelle Techniken, ein gezieltes Bewegungsprogramm oder Stressmanagement) hat das Potenzial, etwas im System zum Positiven zu verändern?

  3. Ausprobieren und Lernen: Die gewählten Maßnahmen werden erprobt. Wie reagiert der Körper? Was funktioniert im Alltag? Forschungsergebnisse bestätigen, dass aktive Bewältigungsstrategien hier nachhaltiger wirken als passive Maßnahmen. Es geht nicht immer nur darum, ob der Schmerz am nächsten Tag weg ist, sondern ob Vertrauen und Handlungsfähigkeit wachsen.

  4. Das eigene System steuern lernen: Was im Experiment gut funktioniert, wird fest in den Alltag integriert. Dabei geht es um weit mehr als nur kurzfristige Schmerzlinderung: Das Ziel ist, dass Sie die Reaktionen Ihres eigenen Körpers immer besser verstehen und lenken lernen – in der Forschung wird dies als System Stewardship bezeichnet. Sie werden vom passiven Empfänger einer Behandlung zum Experten für sich selbst. Wenn Lebensumstände sich ändern oder neue Herausforderungen auftreten, fangen Sie nicht wieder bei null an, sondern wissen, wie Sie Ihr System stabilisieren können.


Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit zurückgewinnen

Gute Therapie bei chronischen Schmerzen bedeutet nicht, dass ein kaputtes Körperteil passiv repariert wird. Es geht vielmehr darum, den Menschen zu befähigen, seinen eigenen Heilungs- und Lernzyklus zunehmend selbst zu steuern.


Ein großer Teil der Behandlung besteht darin, einen individuellen „Werkzeugkasten“ aufzubauen. Die Aufgabe der Therapie ist es, diesen Prozess sorgfältig, evidenzbasiert und sicher zu begleiten, bis die Betroffenen wieder Vertrauen in ihre eigene Fähigkeit haben, ihren Körper und ihr Leben aktiv zu gestalten. Chronischer Schmerz ist komplex, und eine simple Standardlösung gibt es nicht. Aber genau in dieser Erkenntnis liegt die Chance auf eine Behandlung, die menschlicher, ehrlicher und langfristig wirksamer ist.


Bei größerem Interesse für Details:

Geneen, L. J., Moore, R. A., Clarke, C., Martin, D., Colvin, L. A., & Smith, B. H. (2017). Physical activity and exercise for chronic pain in adults: an overview of Cochrane Reviews. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2017(4), CD011279. https://doi.org/10.1002/14651858.CD011279.pub3


Kamper, S. J., Apeldoorn, A. T., Chiarotto, A., Smeets, R. J., Ostelo, R. W., Guzman, J., & van Tulder, M. W. (2015). Multidisciplinary biopsychosocial rehabilitation for chronic low back pain: Cochrane systematic review and meta-analysis. BMJ, 350, h444. https://doi.org/10.1136/bmj.h444


McDonald, H. N., & Lowe, T. J. (2024). Chronic pain, complexity and a suggested role for the osteopathic profession. International Journal of Osteopathic Medicine, 53, 100724. https://doi.org/10.1016/j.ijosm.2024.100724


National Institute for Health and Care Excellence (NICE). (2021). Chronic pain (primary and secondary) in over 16s: assessment of all chronic pain and management of chronic primary pain (NICE Guideline NG193). https://www.nice.org.uk/guidance/ng193


Skelly, A. C., Chou, R., Dettori, J. R., Turner, J. A., Friedly, J. L., Rundell, S. D., ... & Ferguson, A. J. R. (2020). Noninvasive nonpharmacological treatment for chronic pain: A systematic review update (Comparative Effectiveness Review No. 227). Agency for Healthcare Research and Quality (US). https://doi.org/10.23970/AHRQEPCCER227


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