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Was hilft bei Nervenschmerz und Bandscheibenvorfall? Was Sie jetzt tun können

  • Autorenbild: Ben Schreiner
    Ben Schreiner
  • 29. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit
Was hilft bei Bandscheibenvorfall?

In den ersten beiden Artikeln dieser Serie haben wir geklärt, was ein Nervenschmerz eigentlich ist und warum er oft länger dauert als eine gewöhnliche Muskelzerrung. Jetzt geht es um das Praktische: Was hilft bei einem Bandscheibenvorfall oder Nervenschmerzen? Was können Sie konkret tun?


Fünf Orientierungspunkte – nicht als starre Checkliste, sondern als Werkzeugkasten, aus dem Sie das nehmen, was Ihrem Körper gerade hilft.


1. Der schiefen Haltung vertrauen

Viele Betroffene nehmen bei einem gereizten Nerv automatisch eine schiefe Haltung ein – leicht nach vorne gebeugt oder zur Seite geneigt. Der erste Impuls, auch von gut gemeinten Ratschlägen aus dem Umfeld, lautet dann oft: gerade stehen, durchstrecken, nicht hängen lassen.

Das ist in der Akutphase häufig kontraproduktiv. Diese Haltung ist kein Versagen Ihres Körpers, sondern ein intelligenter Schutzmechanismus: Sie öffnet den Raum um die gereizte Nervenwurzel und entlastet sie. Gerade bei großen Bandscheibenvorfällen zeigen Studien ein faszinierendes Phänomen – sogenannte Spontanresorption (Zhong et al., 2017): Das Immunsystem erkennt das ausgetretene Bandscheibenmaterial und baut es eigenständig ab. Ihr Körper leistet also aktiv Aufräumarbeit. Die Schonhaltung schützt den Nerv genau in dieser Phase.

Diese Schutzreaktion ist vor allem in der Akutphase relevant – solange die Reizung am stärksten ist. Wie lange das dauert, ist individuell sehr verschieden und lässt sich nicht pauschal beziffern. Danach beginnt schrittweise die Rückkehr zu normalen Bewegungsmustern, idealerweise begleitet durch professionelle Unterstützung.


Was das für Sie bedeutet: Lassen Sie die Schonhaltung zu, solange Sie sie brauchen. Zwingen Sie sich nicht in eine aufrechte Position, die Ihnen gerade Schmerzen bereitet.


2. Bewegungen individuell testen – keine pauschalen Verbote

Bei einem Bandscheibenvorfall im unteren Rücken hört man häufig: kein Vorbeugen, keine Streckbewegungen, kein Rückbeugen. Diese Faustregeln haben ihre Berechtigung – Vorbeugen erhöht den Druck auf die Bandscheibe, Streckbewegungen können anatomisch bedingt den Platz für den Nerv im Wirbelkanal verkleinern.


Die Praxis zeigt aber ein viel individuelleres Bild. Manche Menschen empfinden genau eine dieser Bewegungen als erleichternd. Manche merken, dass eine bestimmte Dehnung oder gezielte manuelle Techniken den Schmerz deutlich lindern. Keines dieser Werkzeuge ist pauschal gut oder schlecht – es kommt darauf an, wie Ihr Körper reagiert.


Die einfache Regel: Was den ausstrahlenden Schmerz im Bein nicht dauerhaft verschlimmert, ist erlaubt. Testen Sie vorsichtig, und nehmen Sie Ihre Reaktion ernst.


3. Aktiv bleiben – Frequenz schlägt Intensität

Nerven brauchen Bewegung. Sie werden durch Bewegung mit Sauerstoff versorgt und Entzündungsstoffe werden abtransportiert. Internationale Leitlinien sind in diesem Punkt eindeutig: Aktiv bleiben ist besser als Schonung (NICE, 2020; Kuligowski et al., 2021).

Das heißt nicht, dass Sie Sport treiben oder Schmerzen wegtrainieren sollen. Der entscheidende Grundsatz lautet: Frequenz ist wichtiger als Intensität. Drei bis fünf kurze Spaziergänge von je zehn Minuten über den Tag verteilt sind häufig hilfreicher als ein einziger langer Spaziergang von einer Stunde, der am Ende zu viel war. Kurze Bewegungseinheiten kurbeln den Stoffwechsel regelmäßig an, ohne das System zu überlasten. Wenn es dabei leicht kribbelt oder zieht, ist das meist kein Zeichen für neuen Schaden, sondern der Nerv, der auf Bewegungsreize reagiert (Jesson, 2018).


Was das für Sie bedeutet: Beginnen Sie mit zehn Minuten Gehen. Wie fühlen Sie sich eine Stunde danach? Wenn der ausstrahlende Schmerz nicht zugenommen hat, war es gut – dann wiederholen Sie es später am Tag.


4. Schmerzmittel als Brückenbauer

Viele Menschen versuchen tapfer zu sein und auf Medikamente zu verzichten. Bei heftigen Nervenschmerzen kann das jedoch nach hinten losgehen. Starke Schmerzen bedeuten massiven Stress für den Körper – der Körper verspannt sich, der Schlaf leidet. Schlaf wiederum ist die wichtigste Ressource für Gewebereparatur.


Eine in ärztlicher Absprache gut eingestellte Medikation heilt nicht die Ursache, aber sie durchbricht den Teufelskreis aus Schmerz, Anspannung und Schlafmangel – und schafft das Umfeld, in dem Heilung erst möglich wird. Aktuelle klinische Leitlinien befürworten diesen gezielten, vorübergehenden Einsatz ausdrücklich (NICE, 2020; Price et al., 2024).


Was das für Sie bedeutet: Sprechen Sie Ihren Arzt offen auf Schmerzmedikation an – nicht als Dauerlösung, sondern als gezielten Brückenbauer.


5. Wie wir bei dieser Problematik vorgehen

Heilung bei Nervenschmerzen ist ein Prozess – kein einmaliger Eingriff (Lederman, 2015). In der Behandlung arbeiten wir deshalb auf drei Ebenen:

  • Das System beruhigen: Gezielte manuelle Techniken senken das Bedrohungsgefühl des Nervensystems und schaffen ein Zeitfenster mit weniger Schmerz – das ist oft der erste und wichtigste Schritt.

  • Das Umfeld optimieren: Sanfte Arbeit an Muskeln, Faszien und Gelenken gibt Ihrem Körper mehr Bewegungsfreiheit und unterstützt den natürlichen Heilungsprozess.

  • Den Alltag zurückgewinnen: Wir helfen Ihnen herauszufinden, welche Belastungen Ihr Körper jetzt verträgt – und bauen Ihre Zuversicht im Umgang mit Bewegung Schritt für Schritt wieder auf.


Wenn Sie eine fundierte Begleitung in München suchen, die diesen Weg gemeinsam mit Ihnen geht, freuen wir uns auf Ihre Nachricht.


Falls Interesse besteht, hier das Literaturverzeichnis:

Jesson, T. (2018). Radiculopathy, radicular pain and referred pain: What are we really talking about? inTouch, 164, 16–21.


Kuligowski, T., Skrzek, A., & Cieślik, B. (2021). Manual Therapy in Cervical and Lumbar Radiculopathy: A Systematic Review of the Literature. International Journal of Environmental Research and Public Health, 18(11), 6176. https://doi.org/10.3390/ijerph18116176


Lederman, E. (2015). A process approach in manual and physical therapies: Beyond the structural model. CPDO Online Journal. https://cpdo.net/Lederman_A_Process_model_in_Manual_and_Physical_Therapies.pdf


National Institute for Health and Care Excellence (NICE). (2020). Low back pain and sciatica in over 16s: assessment and management (NICE Guideline NG59). https://www.nice.org.uk/guidance/ng59


Price, M. R., Mead, K. E., Cowell, D. M., Troutner, A. M., Barton, T. E., Walters, S. A., & Daniels, C. J. (2024). Medication recommendations for treatment of lumbosacral radiculopathy: A systematic review of clinical practice guidelines. PM&R, 16(10), 1128–1142. https://doi.org/10.1002/pmrj.13142


Zhong, M., Liu, J. T., Jiang, H., Mo, W., Yu, P. F., Li, X. C., & Xue, R. R. (2017). Incidence of spontaneous resorption of lumbar disc herniation: A meta-analysis. Pain Physician, 20(1), E45–E52.


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